Jackie Leven

Kapitel 15 von 15 2011

Summer’s End

Aus dem Englischen übersetzt · zum Original

Und jetzt ist die Zeit im Jahr, da der große traurige goldene Akkord erklingen soll - der Akkord, den der Gitarrist von Doll By Doll, der wunderbare Joe Shaw, Summer's End genannt hat. E A B E A B, für die unter euch, die mitschreiben. Ich erwähne das wahrscheinlich jedes Jahr, aber was soll's, so viele gute Dinge im Leben werden nur einmal im Jahr erwähnt.

Der Bauer hat den kaputten Zauntritt an der Bahnlinie weggeräumt, wo ich oft spazieren gehe. Es war die einzige Stelle auf genau dieser Strecke, an der sich ein Mann hinsetzen konnte, und ich habe jahrelang darauf gesessen, und in den meisten dieser Jahre habe ich ihn für etwas benutzt, das jemand einmal ein lähmendes Gefühl der Klage genannt hat - dasitzen und mir selbst leidtun, in einer Landschaft, die nichts dergleichen tat. Ich habe eine ganz ordentliche Gelegenheit für ein generatives Ritual in eine bloß sentimentale Zeremonie verwandelt. Jetzt ist der Zauntritt weg, und ich muss weitergehen, und ich bin mir nicht sicher, ob das nicht eine Verbesserung ist.

An dieser Stelle wollen die Leute eine Bilanz, und ein Mann, der dreißig Jahre damit verbracht hat, still und leise seine eigene Biografie aufzubessern, ist nicht der ideale Zeuge für diese Aufgabe, also nehmt das Folgende in diesem Sinne.

Es ist so wichtig zu verbergen wie zu enthüllen, und die Natur liebt es, sich zu verstecken. Unsere Kultur ist süchtig nach Enthüllung, und das ist erbärmlich. Was enthüllt wird, steckt sowieso immer in einem Rahmen, und es gibt Tage, an denen es besser ist, wie ein kleines Kind zu sein und den Rahmen anzufassen, statt das Bild anzuschauen.

Wenn alles heilig ist, dann ist nichts heilig. Ich sage das als einer, der mehr Anläufe zur Dauerheiligkeit abgesessen hat als die meisten und zugesehen hat, wie jeder einzelne davon zu guten Manieren geronnen ist.

Wer schreibt, braucht kalte Orte, an die er allein zurückkehren kann. Nicht jede Zeile wird ein Song, die Notizbücher sind voll von Dingen, die nie aus ihnen herauskommen werden, und was drinbleibt, ist die Miete, die man dafür zahlt, dass man irgendwo hinkann.

Und solange man akzeptiert und nicht vergisst, dass es Gefahr gibt, ist man sicher.

Zu den Geschichten. Ihr werdet inzwischen gemerkt haben, dass manches von dem, was ich euch erzählt habe, nicht stimmt - der Whisky mit meinem Namen drauf, die Frau, die mir die Bilder geliefert und in Newcastle einen Mann erschossen hat, die Monate im Leuchtturm bei Hundekuchen, das Treffen der Roma-Musiker im Libanon, zu dem ich eingeladen war und von dem, wie euch auffallen wird, keine Fotos existieren.

Ich werde mich für nichts davon entschuldigen, und ich werde sie euch ganz bestimmt nicht in Spalten sortieren. So viel sage ich: Ich komme aus einer Gegend und aus einem Menschenschlag, wo eine Geschichte eine Form von Gastfreundschaft war. Man erzählte einem Mann nicht die Wahrheit über die eigene Woche. Man gab ihm etwas mit nach Hause. Die, die ich erfunden habe, handeln ausnahmslos von denselben Dingen wie die, die passiert sind - und wenn ihr wissen wollt, welche welche ist, dann geht hin und fragt die Leute, die dabei waren, und rechnet damit, dass sie sich gegenseitig widersprechen.

Was stimmt, ist das hier. Ich bin in einer Stadt geboren, die nach Linoleum riecht. Meine Mutter bügelte zu Lightnin' Hopkins und hatte im Kohlenschuppen eine schwarze Frau aus Holz stehen. Ich ging weg, und ich war in einer Band, die allen zu viel war, uns eingeschlossen, und ein Mann nahm mir in einer Straße in Nordlondon die Stimme weg, und ich bekam sie eine Lage tiefer zurück, und ich war ein paar Jahre für niemanden zu gebrauchen, und dann saß ich in einem Hotel in Oban und schrieb nach neun Jahren Nichts an einem Nachmittag drei Songs.

Vierhundert Songs, heißt es. Ich habe nie gezählt, und ich will es auch nicht, weil die Zahl ein Schlusspunkt wäre.

Ich habe Glück gehabt, auf eine Art, die man Leuten schwer erklären kann, die solche Dinge in den üblichen Einheiten messen. Das Publikum, das ich bekommen habe, war klein, verstreut von Bergen bis Bautzen und geneigt, mir zu schreiben. Ich habe zwanzig Jahre Arbeit bekommen, die ich mir selbst ausgesucht habe. Ich habe Michael Cosgrave auf dem Beifahrersitz bekommen, Joe Shaw nach dreißig Jahren immer noch an der Gitarre, Deborah, die die zweite Stimme singt, einen Fanclub, der von einem Postfach in Derbyshire aus betrieben wird, zwei Pferde, zwei Terrier, eine Markthallenuhr und einen Bach unten im Dorf mit Eisvögeln.

Die Terrier schlafen. Das Licht lässt nach. Unten im Obstgarten fallen die Äpfel von den Bäumen, in dem Takt, den sie in der zweiten Septemberwoche haben, alle paar Minuten einer, und man hört jeden einzelnen aufschlagen.

Der große traurige goldene Akkord also. E A B E A B.

Spielt ihn langsam. Das Sommerende hat erstaunlich wenig damit zu tun, warum er traurig ist. Er ist traurig, weil er so offensichtlich, so lächerlich schön ist, und weil man irgendwo mitten im Spielen dahinterkommt, dass er immer schon so kurz sein würde.

Seid gut zu jemandem, der es euch nicht zurückzahlen kann. Dreht am Anleger die Tafel um und wartet auf den Fährmann, der kommt, wann es ihm passt, und kein Bus ist. Und wenn ihr dort ankommt, wo ihr hinwollt, erzählt ihnen eine Geschichte, und zwar eine gute….

Belegt / erfunden

Belegt: die Akkordfolge E–A–B–E–A–B, von Joe Shaw „Summer's End" genannt, samt Levens Bemerkung, er erwähne das wohl jedes Jahr, und dem „great sad golden chord"; die Entfernung des Zauntritts an der Bahnlinie durch den Bauern, die einzige Sitzgelegenheit dieses Wegs, und Levens Selbstkritik über den „paralysing sense of complaint" und die Verwandlung von „generative ritual" in „sentimental ceremony"; „If everything's sacred, then nothing is sacred"; „it is, after all, as important to conceal as to reveal. And nature loves to hide" sowie „Our culture is addicted to revelation - it's pathetic"; „what is revealed is always in a frame" mit dem Bild vom Kleinkind, das den Rahmen berührt; „a writer needs cold places to which to return alone" und die Notizbücher mit Zeilen, die nie Songs werden; „as long as you accept and remember that there is danger, you're safe"; die vier Legenden (Whisky „Leven's Lament", Shannon Doyle, der Leuchtturm mit den Hundekuchen, das Romany-Treffen im Libanon); die Fährszene mit der umgedrehten Signaltafel nach Kerrera; die bügelnde Mutter mit Lightnin' Hopkins und der Schrein der „Black Sophia" im Kohlenschuppen; der Überfall in Nordlondon und die veränderte Stimme; die drei an einem Nachmittag geschriebenen Oban-Songs; die Angabe „over four hundred songs" (aus dem Nachruftext des Website-Betreibers); Michael Cosgrave, Joe Shaw, Deborah Greenwood, der Fanclub mit Postfach in Derbyshire, die Pferde, die Terrier, die Markthallenuhr, der Gezeitenbach mit Eisvögeln.

Erfunden: die Anordnung als Vermächtnis; der gesamte Abschnitt über die Geschichte als Form der Gastfreundschaft; „the number would be a full stop"; die Aufzählung des Glücks in „den üblichen Einheiten"; die Szene mit den fallenden Äpfeln; die Deutung des Akkords am Schluss; die drei Schlusssätze.

Zur Einordnung: Dieses Kapitel ist die freieste Erfindung des Buches. Leven hat nie eine Bilanz seines Lebens geschrieben — sein letzter Blogeintrag endet mit dem vollständigen Text seines Songs „Working Alone" von „Forbidden Songs Of The Dying West", einem Pflügerbild vom Vergehen der Zeit und vom Übergang der Zügel an einen anderen. Das wäre das echte Ende. Es steht hier nicht, weil der Songtext urheberrechtlich geschützt ist und ohne Freigabe nicht wiedergegeben werden sollte.