Jackie Leven

Kapitel 10 von 15 1994–1999

Gotcha

Aus dem Englischen übersetzt · zum Original

Die Kassette machte in London die Runde, wie Kassetten das damals taten. Muff Winwood bei Sony mochte sie und wollte reden, was schmeichelhaft war und im Sande verlief, wie das bei solchen Sachen so ist. Und Feargal Sharkey - der zu der Zeit A&R-Mann bei einer Firma war, deren Namen ich wirklich vergessen habe, was mich mehr freut, als es sollte - schickte die vorgedruckte Absage zurück, mit, und ich will, dass ihr euch die Schrifttype vorstellt, den Worten: Sorry! – no Top Of The Pops for you this week!

Zwei Jahre später, in einem Pub, sah ich zu, wie man Feargal Sharkey von diesem Job freistellte, zu einem Zeitpunkt, als ich zufällig eine Platte in den deutschen Charts hatte. ich bin kein nachtragender Mensch. ich habe einfach ein ausgezeichnetes Gedächtnis und eine Website.

Mein Anwalt sagte: Geh mal mit Martin Goldschmidt von Cooking Vinyl reden.

Was Martin bei diesem ersten Treffen tat, ist der Grund, warum ich nie gegangen bin. Er sagte mir nicht, es würde wunderbar werden. Er sagte mir, dass die Firma in Schwierigkeiten steckte - ihr Vertrieb war ohne Vorwarnung zusammengebrochen und hatte Geld mitgerissen - und dass er mir nicht viel von irgendwas bieten konnte außer dem hier: Er würde herausbringen, was ich machte, er würde mir nicht sagen, was ich machen sollte, und er würde in zehn Jahren noch da sein.

Er brauchte zwei Jahre, um mich tatsächlich unter Vertrag zu nehmen. Als es erledigt war, lächelte er ein kleines Lächeln für sich, sah mir in die Augen und sagte ganz leise: Gotcha.

Er sah zu Recht zufrieden aus. In den nächsten siebzehn Jahren brachte er eine enorme Zahl meiner Platten heraus - und erzählte jedem, der fragte, dass es viel zu viele seien und dass ich mir ständig neue Maschen ausdachte, um noch eine herauszubringen, was eine zutreffende Beschreibung einer Arbeitsbeziehung ist, die uns beide glücklich gemacht hat.

Das Problem war das andere.

ich war seit der Band nicht mehr aufgetreten und hatte nicht die Absicht, je wieder aufzutreten. Trauma ist das Wort, das ich dafür benutzt habe, und ich benutze es mit Bedacht, denn ich hatte eine ganze Genesung auf der Annahme aufgebaut, dass ich nie wieder vor Leuten stehen müsste. Martin hat lange mit mir gearbeitet, geduldig, so wie man mit einem Pferd arbeitet, das geschlagen worden ist.

Passiert ist es schließlich auf einer Fachmesse der Musikbranche in Berlin, in einem Club namens Quasimodo - und wenn ihr aufgepasst habt, wisst ihr, dass ich seit 1971 in Berliner Clubs getrunken hatte und dass die Stadt der Ort gewesen war, an dem mir zum ersten Mal Dinge erlaubt waren. Berlin hat vierundzwanzig Jahre und zwei Leben gebraucht, um sich noch einmal an mir zu versuchen.

Dann die Platten, in Strömen.

Auf The Mystery of Love Is Greater Than the Mystery of Death liest Robert Bly zwei Gedichte, für die er in die Townhouse Studios in Shepherd's Bush gekommen ist, um sie für mich aufzunehmen - The Garden von Antonio Machado und Clay Jug von Kabir. Die Leute schreiben Hafiz. Es ist Kabir. ich war dabei.

Im Booklet von Fairytales for Hardmen sind zwei Seiten, auf denen In Loving Memory steht, weil zwei Freundinnen kurz nacheinander gestorben sind, während die Platte entstand. Die eine war Eva Loewe. Die andere war Shannon Doyle, die eine irisch-kanadische transsexuelle Profikillerin war und mich mit den meisten Bildern gefüttert hat, aus denen später Lovers at the Gun Club wurde.

ich weiß. ich höre euch schon. ich erzähle die Geschichte seit fünfzehn Jahren, und ich nehme sie jetzt nicht zurück, schriftlich, in meinem Alter. Manches ist auf die Art wahr, wie ein Song wahr ist, und die Tatsache, dass ein Mann einmal Hals über Kopf eine Stadt verlassen hat, weil die Leute dachten, er habe etwas in Auftrag gegeben, hört nicht auf, interessant zu sein, bloß weil sie sich nicht nachprüfen lässt.

Martin Okasili hat für diese Platte Mad As The Mist And Snow und Old West African Song gesungen, in den Milo Studios in Hoxton, und ich sage hier schwarz auf weiß, was ich in Bars gesagt habe: Diese beiden Gesangsaufnahmen sind das Bewegendste auf irgendeiner Platte mit meinem Namen drauf, und ich habe sie nicht gesungen.

Und dann war da das Haunted Valley.

Das waren ich und mein Freund Mick Nolan, aus einem Postfach in Belper, Derbyshire, heraus, und es war die allerbeste Idee, die ich in diesem Geschäft je hatte. Vierzehn Pfund im Jahr in Großbritannien. Ein Heft viermal im Jahr - Mai, August, November, Februar - mit meinem Geschwafel drin, und Interviews, und einem Gedicht von Liam Carson. Und einmal im Jahr, mit der Augustpost, eine CD mit unveröffentlichtem Material, die man nirgends kaufen konnte.

Kein Fanclub. Ein Abonnement auf ein kleines, seltsames, unrentables Land, dessen einziges Exportgut ich war.

Die Branche hat noch fünfzehn Jahre gebraucht, bis sie auf die Rechnung kam, nämlich dass wir nicht viele waren, aber genug, verstreut von Bergen über Bautzen bis Brisbane, und jeder Einzelne von ihnen wollte lieber ein schlecht fotokopiertes Heft und eine CD im braunen Umschlag von einem Mann in Derbyshire als gar nichts. Sie wird nicht in den Läden stehen - weil es keine Läden gibt, oder jedenfalls nicht viele.

ich war eine Heimindustrie, und daheim war keiner.

Die Leute halten mir einen Satz über diese Jahre vor, den vom jämmerlichen Versager, und ich habe ihn tatsächlich gesagt, dem Guardian, 2001, und ich habe ihn so gemeint, wie ein Mann um vier Uhr nachmittags vor einem Journalisten irgendetwas meint. Die Rechnung sagt etwas anderes. Eine Stimme, die falsch zurückkam, ein Handwerk, vor dem ich Angst hatte, ein Label, das ein einziger ehrlicher Mann führte, und hinten raus vierhundert Songs, was kein Buchhalter der Welt einen Plan nennen würde und was ich gegen keinen eintauschen würde….

Belegt / erfunden

Belegt: Muff Winwoods Interesse und Feargal Sharkeys Standard-Absage mit dem Wortlaut „Sorry! – no Top Of The Pops for you this week!"; die Begegnung mit Sharkey zwei Jahre später kurz nach dessen Entlassung, während Leven „a record … had just charted in Germany"; der Zusammenbruch des Cooking-Vinyl-Vertriebspartners, Goldschmidts offenes Angebot langfristiger künstlerischer Freiheit, die zwei Jahre bis zur Unterschrift und sein leises „Gotcha"; Levens Bühnenangst nach dem Bandende als „a trauma which I had to overcome" und die Rückkehr auf die Bühne bei einer Musikmesse im Berliner Quasimodo (alle: Be My Friend, Dezember 2008); Goldschmidts Urteil über die Zahl der Alben und Levens „scams" (Guardian-Nachruf); Robert Blys zwei Aufnahmen „The Garden" von Antonio Machado und „Clay Jug" von Kabir in den Townhouse Studios (Be My Friend, Oktober 2009); die beiden „In Loving Memory"-Seiten im Booklet von „Fairytales for Hardmen" für Eva Loewe und Shannon Doyle sowie deren Rolle als Stichwortgeberin für „Lovers at the Gun Club"; Martin Okasilis Gesang auf „Mad As The Mist And Snow" und „Old West African Song", aufgenommen in den Milo Studios in Hoxton, und Levens Urteil darüber (Be My Friend, September und Dezember 2008); Haunted Valley als gemeinsames Unternehmen mit Mick Nolan, Postfach Belper, £14 im Jahr, vier Ausgaben (Mai, August, November, Februar), Gratis-CD in der August-Sendung; „It will not be in the shops – cos there ARE no shops, or at least not many!" und „I'm a cottage industry and there's nobody in my cottage at the moment" (Startseite 2008); der Musikanwalt, über den der Kontakt zu Cooking Vinyl kam; „I am an abject failure" (Guardian, 26.07.2001).

Erfunden: die Bemerkung über Schrifttypen und über die eigene Nachtragendheit; das Bild vom geschlagenen Pferd; „It took Berlin twenty-four years and two lives to have another go at me"; die Deutung des Fanclubs als „kleines, seltsames Land"; die Aufzählung Bergen–Bautzen–Brisbane; der Schlussabsatz mit der Rechnung und dem Satz über den Geschäftsplan.

Als Legende gekennzeichnet: Shannon Doyle als Auftragsmörderin ist Levens Erzählung, nicht Biografie. Das Kapitel erzählt sie als seine Erzählung — samt seiner Weigerung, sie zurückzunehmen.