Jackie Leven

Kapitel 12 von 15 2000–2004

Woman in a Car

Aus dem Englischen übersetzt · zum Original

Mein Vater brauchte ein Jahr zum Sterben, von dem Tag an, als man es ihm sagte. Davor war er lange zum Arzt gegangen und als Hypochonder wieder weggeschickt worden, was in diesem Land das Wort für Arbeiter ist, die ihre Symptome im falschen Register beschreiben.

Er fuhr einen alten Cortina über den Falkland Hill zu den Auktionen in Ladybank. Spät im Leben beschloss er, dass es falsch sei, Ente zu essen, und wollte nicht sagen, warum - vielleicht ist das einfach was Persönliches -, und ich kann mich heute vor keine Ente setzen, ohne ihn das sagen zu hören. ich habe im Schreibtisch ein Passfoto von ihm, auf dem er aussieht wie Burt Lancaster in Valdez Is Coming, und ein größeres Kompliment kann es nicht geben.

Als er starb, bin ich rausgegangen und habe gearbeitet. Nicht ein bisschen - ungeheuer viel, jahrelang, Tournee auf Tournee gestapelt, bis ich mir geschadet hatte, weil ich zu lange zu hart gearbeitet hatte, und vier Jahre danach hatte ich mich immer noch nicht davon erholt.

Was ich, abgesehen von den Tourneen, eigentlich getan habe, war, mir eine Angewohnheit zuzulegen, von der ich noch keinem Arzt erzählt habe. In Bars - in jeder Bar, überall, jahrelang - ertappte ich mich dabei, dass ich mich nach ihm umsah. Nicht an ihn denken. Nach ihm suchen. Die Tür im Auge behalten, wie man das macht, wenn einer aufs Klo gegangen ist und eine Weile wegbleibt.

Im Sommer 2004, auf einer Feier zu meinem vierundfünfzigsten Geburtstag, hat mir jemand eine minoische Doppelaxt geschenkt - ein schweres Ding, ein richtiges Stück. Und ein Freund aus Carlisle, von dem ich fünfunddreißig Jahre nichts gehört hatte, hat mir einen Feigenbaum mit der Post geschickt. Also habe ich den Feigenbaum an eine Südmauer gepflanzt und die Axt an seinem Fuß in die Erde gesteckt, und das ist ein Schrein für meinen Vater, und ich habe nicht beschlossen, ihn zu bauen. ich habe aufgeschaut, und er war fertig.

Meine Mutter war derweil drei Meilen entfernt.

Sie war mit ihm zusammen in den Süden gezogen, und nachdem er gestorben war, lebte sie in meiner Nähe - erst betreutes Wohnen, dann ein Heim. Wir saßen oft im Osborne View, mit dem Solent im Fenster und der Isle of Wight, die da draußen lag wie ein Wal, und sie erzählte mir von Blyth, als sie ein Mädchen war, von den holländischen Seeleuten, die in Holzschuhen von den Booten kamen, und davon, wie sie mit meinem Vater gegangen war, am Ufer des Wey entlang, die beiden Arm in Arm von Pub zu Pub, was ich so deutlich vor mir sehe, dass ich manchmal glaube, ich wäre dabei gewesen.

Sie konnte nicht Auto fahren. Als er starb, hat sie sein Auto trotzdem behalten, damit sie allein darin sitzen und sich erinnern konnte. Das ist Woman In A Car, und es ist der einzige Song von mir, den ich nie von der Bühne aus ansagen konnte, ohne irgendwas mit den Händen zu machen.

Im Heim wurde sie, sagte sie, und sie hatte recht, buchstäblich zu Tode gelangweilt. Ein Mann in dieser Stadt zog ihr Geld aus der Tasche, und ich habe ernsthaft überlegt, hinzufahren, ihn ausfindig zu machen und etwas zu tun, das vor Gericht geendet hätte, und stattdessen - schrieb ich damals in der Kolumne - werd ich wohl stattdessen ein paar Songs schreiben.

Und dann, im Herbst 2004, ist sie gestorben.

Bei der Beerdigung habe ich Bobby Shaftoe gesungen. Ihr Lied. Das ich ans Ende von A Little Voice In Space gesetzt hatte, Jahre vorher, ohne irgendwem zu sagen, warum.

Die Pflegerinnen gaben mir ihren Ehering.

Ihre paar Sachen aus diesem Zimmer zu räumen, war eine jämmerliche Arbeit, und ich habe es schlecht gemacht. ich habe die Schuhe dagelassen. ich habe die meisten Kleider dagelassen. Und mittendrin fand ich die Postkarten - jede Karte, die ich ihr von jeder Tournee geschickt hatte, aus Wien und Bergen und Beausejour, der Reihe nach aufgehoben, so aufgehoben, wie man etwas aufhebt. ich hatte gedacht, ich schicke sie ins Leere, aus Pflichtgefühl, wie man das eben tut. Sie hatte sie gelesen, wie man einen Brief von der Front liest.

Ihr langer, langsamer Verfall hatte sich jahrelang wie ein Anker um mich gelegt, und als er losließ, wurde das Meer über mir heller, und ich habe noch nie eine Art gefunden, das hinzuschreiben, bei der ich mich nicht schäme, während ich es hinschreibe.

Was ich danach tat, wird euch sagen, was mir vier Jahre beigebracht hatten. ich habe abgesagt. Unser Weihnachtskonzert im Milford Social Club, das wir jedes Jahr gemacht hatten und das der eine Abend des Fanclubs war und ungefähr so Jackie Leven, wie ein Termin im Kalender überhaupt sein konnte - abgesagt, weil ich mich, als mein Vater starb, kaputtgearbeitet hatte und nicht vorhatte, das ein zweites Mal zu tun.

Und dann, zehn Tage nachdem ich sie begraben hatte, bin ich losgefahren und habe zwei Abende in Münster gespielt, in Deutschland, in einer kleinen Galerie, weil es das Heilsamste war, was ich hatte, und ich wusste, dass es das sein würde, bevor ich ins Flugzeug stieg. Das sieht aus wie ein Widerspruch, und es ist keiner. Arbeit kann ein Ort sein, an dem man sich versteckt, und Arbeit kann eine Hand im Rücken sein, und mit vierundfünfzig konnte ich die beiden an den meisten Tagen auseinanderhalten, so gegen vier Uhr nachmittags.

Sie ruht jetzt an der Küste westlich von Portsmouth, und das Meer kommt seitwärts den Kiesstrand entlang.

Ein übergewichtiger schottischer Träumer mittleren Alters, dessen Mutter immer darauf bestand, er habe den sexuellen Schneid von Rudolf Valentino.

Es hätte ihr gefallen, diesen Satz in einem Buch zu sehen, und noch ein gutes Stück besser, wenn er gestimmt hätte….

Belegt / erfunden

Belegt: die Krankheitsgeschichte des Vaters — „He took a year to die from when he was diagnosed", die vorherige Abfertigung als Hypochonder, der alte Cortina über den Falkland Hill zu den Auktionen in Ladybank (Triste-Interview, Oktober 2001); die Enten-Marotte samt „maybe it's just a personal thing" (Kolumnen März 2003 und Februar 2004); das Passbild des Vaters und der Vergleich mit Burt Lancaster in „Valdez Is Coming" nebst „There can be no greater compliment" (Oktober 2003); „when my father died, i hurt myself by working too hard for too long" (November 2004); das zwanghafte Suchen nach dem Vater in Bars; das Geschenk der minoischen Doppelaxt am 18. Juni 2004 („Jockstock") und der per Post geschickte Feigenbaum von Peter Forster, dem Freund aus Carlisle, sowie der daraus entstandene Schrein (Juli 2004); die Mutter in betreutem Wohnen und später im Pflegeheim in Levens Nähe, ihre Aussage, sie werde „literally bored to death" (Mai und Oktober 2003); die gemeinsamen Nachmittage im Pub Osborne View mit Blick über den Solent, ihre Kindheit in Blyth mit den holzbeschuhten holländischen Matrosen und die Werbung der Eltern am River Wey (November 2004, September 2004); dass sie nicht fahren konnte und den Wagen behielt, „just so she could sit in it alone, remembering" — Grundlage von „Woman In A Car" (August 2003); der Mann in Bexhill, der ihr Geld abnahm, und „guess i'll write some songs instead" (Mai 2003); ihr Tod Ende Oktober/Anfang November 2004 und „I sang these words today at the funeral of my mother who died some days ago" zu „Bobby Shaftoe", das auch „A Little Voice In Space" beschließt; der Ehering von den Pflegekräften, das Ausräumen als „pitiful task" und die aufbewahrten Postkarten von seinen Tourneen; „Her long slow decline wrapped itself round me like an anchor"; die Absage des Weihnachtskonzerts in Milford mit ausdrücklichem Verweis auf den Fehler nach dem Tod des Vaters; die zwei Konzerte in Münster, „for me it was most healing"; die Beisetzung an der Küste westlich von Portsmouth; „an overweight middle-aged Scottish dreamer whose mother always insisted had the sexual dash of Rudolf Valentino" (alle: Kolumne November 2004).

Erfunden: die Deutung des Wortes „Hypochonder" als Klassenurteil; das Bild der Isle of Wight als Wal; „i sometimes think i was there"; die Bemerkung über die Hände beim Ansagen des Songs; „kept the way you keep something" und der Vergleich mit einem Brief von der Front; die Unterscheidung zwischen Arbeit als Versteck und Arbeit als Hand im Rücken; „i have never yet found a way of putting that down which does not shame me"; die Schlusszeile.

Zur Vorsicht: Der Sterbeort der Mutter ist in Levens Texten widersprüchlich — 2003/04 durchgehend Südhampshire (Pflegeheim, Hill Head), 2007 eine Erinnerung an Bexhill-on-Sea „towards the end of her life". Das Kapitel folgt der zeitnahen Version. Das Todesdatum des Vaters (Juni 2000) stammt aus dem Kompendium, nicht aus Levens eigenen Texten.