Kapitel 9 von 15 1993–1994
The Rowantree
Aus dem Englischen übersetzt · zum Original
Alle sagen, ich sei nach Oban gezogen. ich bin nicht nach Oban gezogen. ich lebte in London, also musste ich erst nach Glasgow fliegen und dann rüber an die Westküste, und das habe ich über mehrere Jahre immer wieder gemacht, erst mit Freunden über Weihnachten und später allein, und ich wohnte im Rowantree Hotel, was überhaupt nicht dasselbe ist, wie irgendwohin zu ziehen, egal wie es von außen aussieht. Man zieht einmal irgendwohin, und dann ist man da. ich bin immer wieder hingefahren, was länger dauerte und mehr kostete und hieß, dass ich mich jedes einzelne Mal neu entscheiden musste.
Argyll im Winter. Ihr wollt, dass ich darüber lyrisch werde, und ich werde euch ein bisschen enttäuschen, denn woran ich mich vor allem erinnere, ist das Frieren, und die ganz eigene Art eines Hotelheizkörpers an der Westküste, und lange Nachmittage, in denen rein gar nichts war, die ersten Nachmittage dieser Sorte, die ich seit ungefähr 1976 gehabt hatte.
Man geht runter zum Anleger für die Fähre nach Kerrera, und da lehnt eine Tafel, und die dreht man um, sodass die bemalte Seite zum Wasser zeigt, und so erfährt der Fährmann auf der Insel, dass auf der anderen Seite ein Mensch steht, der rüber will. Dann wartet man. Er kommt, wann es ihm passt, denn er ist kein Bus. Jenseits des Sunds, am Südende, oben auf den Felsen, Gylen Castle, und die Burg und der Mann mit dem Boot sind irgendwann beide in einem Song gelandet.
ich habe diese Tafel etliche Male umgedreht, und jedes einzelne Mal wurde etwas in meiner Brust still. Man meldet sich beim Meer an. Hier bin ich, komm und hol mich, wenn du kommst.
Und dort kamen die Songs zurück.
ich hatte seit den Doll-Tagen nichts geschrieben. Keine Zeile. Neun Jahre, wenn man sich hinsetzt und nachzählt, was ich damals nicht getan habe, weil der Teil eines Mannes, der Dinge bemerkt, seine Läden dichtgemacht hatte und ich herumlief und nichts sah, was sich zu sagen lohnte, und der Welt vorwarf, schal geworden zu sein.
Dann schrieb ich an einem Nachmittag in diesem Hotel, im Regen, The Crazy Song. Und dann schrieb ich Gylen Gylen. Und dann schrieb ich Heartsick Land. Drei an einem Nachmittag nach neun Jahren Nichts, und ich habe es nie erklären können und habe aufgehört, es zu versuchen. Es hatte weniger von aufziehendem Wetter als davon, in ein Haus zurückzukommen, aus dem man lange weg war, und zu merken, dass jemand es die ganze Zeit gelüftet hat.
ich habe sie niemandem vorgespielt. Lange nicht, und wenn mich je ein junger Mensch etwas fragt, ist das der Teil, den ich ihm erzähle.
ich hatte keine Ahnung, ob sie etwas taugten - ich konnte es wirklich nicht sagen, mir war das Instrument abhandengekommen, mit dem man urteilt -, und statt es herauszufinden, schrieb ich einfach mehr. Es war Angst, schlicht und einfach. Es stellte sich auch als das Nützlichste heraus, was ich je getan habe, und nach genügend Jahren kann ich meine Angst nicht mehr von meiner Disziplin trennen, und das kann, wie ich merke, auch keiner, der zusieht.
Was ich in diesen Monaten aufgebaut habe, ohne zu wissen, dass ich etwas aufbaute, hat mich seitdem am Leben gehalten, eine Art Killerinstinkt, was das Schreiben angeht. Egal, was sonst in eurem Leben passiert, und in meinem ist eine Menge passiert, einiges davon öffentlich, verlasst euch darauf, dass dieses Schreiben getan werden muss, und zwar gut. Die Formulierung stammt aus den Ausschusssitzungen beim Trust, wo ein alter Hase seine Gegner immer damit erledigte, dass er ganz sanft fragte: Ja, das ist das Prinzip - aber wie sieht der Prozess aus? Songwriter zu sein ist das Prinzip. Sich hinzusetzen ist der Prozess, und in vierzig Jahren hat es niemand geschafft, mir diesen Teil an einem verregneten Dienstag abzunehmen.
Das Trinken hatte bis dahin still und leise alles andere abgelöst, und ich nannte es kein Problem, weil es neben dem, was es ersetzt hatte, wie ein Hobby aussah. In Glasgow konnte ich einen ganzen Abend lang Whisky mit Lagerbier hinterher wegkippen und das Recherche nennen. ich hatte den Drogen und der Gewalt eine Weile abgeschworen, und dieses ‚eine Weile' leistet in dem Satz Schwerarbeit, und das wusste ich schon, als ich ihn schrieb.
Noch etwas zu dieser Küste. Eine Zeitschrift schickte mir einen dieser Fragebögen, in denen sie einen nach dem glücklichsten Moment fragen und erwarten, dass man die Geburt eines Kindes nennt, und was ich eintrug, war, allein am Strand von Ganavan Sands, bei Oban, zu sitzen und der Fähre beim Hinüberdampfen zuzusehen. Ganz für mich, im Sand, anderen Leuten beim Wegfahren zusehen, und froh darüber, auf eine Art, die ich vor keinem Ausschuss hätte verteidigen können. Macht daraus, was ihr wollt. ich habe dreißig Jahre Zeit gehabt, etwas daraus zu machen, und meistens mache ich Songs….
Belegt / erfunden
Belegt: dass Oban kein Wohnort, sondern wiederholtes Reiseziel war — „I was living in London, so first I had to fly to Glasgow" —, zuerst mit Freunden zu Weihnachten, später allein, mit Aufenthalt im Rowantree Hotel; die kleine Fähre nach Kerrera samt der Signaltafel, die man umdreht, um den Fährmann zu rufen, und Gylen Castle, beide im Song „Gylen Gylen"; dass Leven seit den Doll-by-Doll-Tagen keine Songs mehr geschrieben hatte, die Qualität nicht einschätzen konnte und die Stücke niemandem vorspielte; die Entstehung von „The Crazy Song", „Gylen Gylen" und „Heartsick Land" an einem einzigen Nachmittag; der „killer instinct" als Schreibdisziplin mit dem Satz „no matter what else is happening in your life, be assured that this writing must be done"; die aus CORE-Komiteesitzungen übernommene Formel „yes, that's the principle, but what's the process?"; „I'd gone off drugs and violence for a while" und das abendfüllende Trinken von Whisky mit Lagerbier in Glasgow (alle: „The Past Didn't Go Anywhere", August 2009); der glücklichste Moment „sitting alone on the beach at Ganavan sands near Oban watching the ferry steam over" (Startseite, Oktober 2009).
Erfunden: der Gedanke über den Unterschied zwischen einmal umziehen und immer wieder hinfahren; der Heizkörper und die „ersten langen Nachmittage seit 1976"; das Bild vom gelüfteten Haus; die geschlossenen Fensterläden; die Ununterscheidbarkeit von Angst und Disziplin; der nasse Dienstag; die Schlussdeutung des Ganavan-Bildes.
Zur Vorsicht: Die neun Jahre Schreibpause sind eine Rechnung, keine Angabe Levens — er nennt kein Jahr. Auch die Jahreszahlen der Oban-Aufenthalte fehlen in seinen Texten vollständig.