Kapitel 14 von 15 2008–2011
The Village
Ab hier wechselt die Stimme: In den Texten von 2008 an schreibt Leven sein Ich groß, setzt weniger Gedankenstriche und mehr Klammern. Das Kapitel folgt dieser späteren Fassung.
Aus dem Englischen übersetzt · zum Original
Die Markthallenuhr im Dorf scheppert um 6.30 Uhr die halbe Stunde, und es ist Zeit, aufzustehen und drei Meilen zu laufen, um die Pferde auszumisten.
Hättet ihr mir 1979 gesagt - als ich in einem besetzten Haus in W9 stand, einen Kalender voller Gräuel unterm Arm -, dass es so ausgehen würde, ich wäre beleidigt gewesen, und ich hätte mich geirrt.
Die Uhr ist herrlich alltäglich. Ein stumpfer Stich akustischer Information fürs gemeine Volk, das womöglich wissen muss, dass es ZEIT ist. Die Halle selbst ist eine echte Institution: Kampfsport, Gartenbauschauen und die Feier zum Vierzigsten unseres Kumpels Stacy, die sich sehen lassen konnte. Am einen Ende klein geschnittene Pork Pies, am anderen eine Rockabilly-Band mit einer außergewöhnlichen Rhythmusgruppe, und dazwischen Klapptische mit Hinterwäldlern, Frauen und Kindern aller Formate und ein paar ziemlich hart aussehenden Jungs, mit denen allen man sich einen Platz aushandeln musste, und danach wurde nur noch gelächelt.
Der Weg zu den Pferden führt über drei Felder. Vorbei am umzäunten Lager der Fahrenden, wo an die sieben Traberponys stehen und wo der Patriarch und ich uns zunicken und noch nie ein Wort gewechselt haben, was ich für ein perfektes Arrangement halte. Durch den Graffititunnel unter der Bahnlinie von London nach Portsmouth. Über ein offenes Brachfeld zu ein paar jahrhundertealten Scheunen, bei denen nie jemand ist, obwohl in den Cottages Leute wohnen. Und seitlich davon, fast versteckt in Ranken und Birkenschösslingen, eine schöne alte Dampflok in leuchtendem Blau und Gelb, noch mit Rädern und allem, die ich zum ersten Mal unter einem Hauch von Schnee gesehen habe und die mir noch nie jemand erklären konnte.
Smartie ist ein Rennpferd im Ruhestand. Blue ist ein großes französisches Pferd mit Sinn für Humor. Ich füttere sie, miste aus, stelle sie raus und laufe den Weg viermal am Tag. Als ich im Winter anfing, musste man erst eine dünne Eisschicht auf dem Wasser aufbrechen, bevor man es wechseln konnte.
Die Standardfassung meines Lebens führt mich als heimgesuchten keltischen Kneipenpropheten. Der heimgesuchte keltische Kneipenprophet schiebt gerade eine Schubkarre Pferdemist ein Sträßchen in Hampshire hinauf, um halb sieben am Morgen, mit sechzig, neben sich einen Hund, nach dem eben einer geschnappt hat, und hat sich in seinem Leben nie besser gefühlt als jetzt.
Der Haushalt: ein Brocken von einem Kater namens Mr Big, der mir bei der Arbeit hilft, indem er mir Kopfnüsse verpasst und dabei sehr laut schnurrt; ein weißer Terrier namens Basil, der einmal einen ganzen Nachmittag lang mit einer Limette in schlechtem Zustand gespielt hat (der Co-op hatte keine Zitronen); später ein brauner namens Ronnie; und eine sehr alte Katze, die sich im Winter weigert, rauszugehen, und im Frühling dann darauf besteht, nur noch reinzukommen, um ihr Katzenklo zu benutzen.
Hinter dem Haus zieht sich der Obstgarten hinauf bis zu einem uralten Eselstall mit Weinreben drumherum, Damaszenerpflaumen, Äpfel, Stachelbeeren. Ganz unten im Dorf läuft mit der Flut der Bach voll, und ich gehe mit den Terriern hin, damit sie nach Treibholz rausschwimmen, und sitze dort auf der Bank, wie ich da seit Jahren sitze, und rede mit Kevin, dem Alkomystiker des Dorfs, über das Ford-Werk in Southampton. Sonntags spielen die alten Knaben im Pub gegenüber Jazz, Bauern in Tankstellenhemden mit erntefarbenen Augen.
Im Frühjahr ist mein Bruder Ed gestorben.
Er war mein kleiner Bruder. Er kam zu mir nach Poole, als er noch keine zwanzig war, und wir hatten in Dorset ein paar richtig schöne Zeiten, einen Sommer und einen Winter lang, lange Fußmärsche zu Cider-Pubs auf dem Land. Meine erste Erinnerung an ihn ist, wie ich ihm Holzklötze an den Kopf werfe, um meine Schwester abzulenken, die vom Dreirad gefallen war und nicht aufhören wollte zu weinen - mein Debüt als Therapeut, das nicht so richtig gut lief.
Schneeglöckchen werden mich von jetzt an immer an Ed erinnern. Ich ging am Fluss Hamble entlang, als mir das klar wurde, zehn Minuten bevor ich es aufschrieb.
Lange Zeit konnte ich einen Refrain nicht zu Ende bringen, den ich Jahre davor in einem kleinen, klösterlichen Hotel in Münster geschrieben hatte - dem Kolpinghaus, wo die Zimmer wie Zellen sind. Dann starb Ed, und der Song kam, in einem Stück, und er heißt Beware Soul Brother, und eine Weile dachte ich, das Album würde auch so heißen.
Ich fühle mich ein bisschen weniger ramponiert als vorher, schrieb ich im Frühjahr, und dankte den Leuten für die freundlichen Worte bei den Auftritten.
Das ist auch das Jahr, in dem ich eine kleine Fernsehmethode gefunden habe, mit meiner eigenen, noch unfertigen Trauer um meine Eltern, meinen Bruder und liebe Menschen umzugehen - nämlich dass ich Air Crash Investigation schaue, wie besessen, und die Flugzeuge überspringe, um zu den Interviews mit den Hinterbliebenen zu kommen. Ich sitze da und trauere mit Fremden um etwas, das nichts mit mir zu tun hat, und dann kann ich aufstehen und mich an den Tag machen.
Ich war den größten Teil meines Lebens eine unruhige Seele, auch wenn ich gelernt habe, mit einem Gutteil der Unruhen meinen Frieden zu machen. Eine Art Belfast Of The Mind, in dem die alten Konflikte in der Vorstellung wund bleiben, aber die rechte Lust fehlt, wieder auf die Straße zu gehen.
Carl Jung hat gesagt, die Götter sind zu Krankheiten geworden. Ich würde es anders sagen: Ehrt die Götter und Göttinnen, wo ihr sie findet, oder wartet, und sie kommen in anderer Gestalt zurück. Zu mir kamen sie zurück als zwei Pferde, eine Markthallenuhr, eine Dampflok in der Hecke und ein alter Mann mit Ponys, der kein einziges Mal guten Morgen gesagt und kein einziges Mal das Nicken ausgelassen hat.
Vor ein paar Nächten habe ich um Mitternacht bei Mondlicht im Garten geschrieben. Die Dichterin Anne Ridler hat eine Zeile - the light of the moon is visible silence - und genau das ist es. Apfel- und Kirschblüte, alles kommt auf einmal runter, klebt einem an den Schuhen, wird ins Haus getragen, also raus mit dem zusammengeklebten Dyson und seinem schrecklichen GUUUURRRR. Das ist die Kehrseite des Frühlings, aber was für eine Kehrseite.
Belegt / erfunden
Belegt: die Eröffnung mit der Markthallenuhr um 6.30 Uhr und dem Drei-Meilen-Weg zum Ausmisten, „a blunt stab of sonic info for commoners who may need to know that it's TIME"; Stacys 40. Geburtstag in der Markthalle mit Buffet, Rockabilly-Band und der stillschweigenden Aushandlung eines Platzes an den Tischen; der Weg über drei Felder, das Roma-Lager mit den Trabern und das wortlose Nicken, der Graffititunnel unter der Bahnlinie London–Portsmouth, die Jahrhunderte alten Scheunen und die versteckte blau-gelbe Dampflok samt Levens Bemerkung, er habe sie zuerst unter leichtem Schnee gesehen und niemand könne sie erklären; die Pferde Smartie („retired racehorse") und Blue („big French horse with a sense of humour"), der viermalige Weg am Tag und das Aufbrechen des Eises auf der Tränke im Winter (alle: Blog, September 2011 erfasst, verfasst Frühjahr 2011); Kater Mr Big, der beim Arbeiten mit dem Kopf stößt, Terrier Basil mit der Limette aus dem Co-op (es gab keine Zitronen), später Ronnie, und die sehr alte Katze (Startseiten 2008 und 2011); der Obstgarten mit Weinreben um den alten Eselstall, Damaszenerpflaumen und Äpfel; der Gezeitenbach, in dem die Terrier Treibholz apportieren; Kevin, der „village alco-mystic", und das Gespräch über die Ford-Fabrik in Southampton; die Sonntagsjazzrunde im Pub gegenüber mit den Bauern in Tankstellenhemden und „erntefarbenen Augen"; der Tod des Bruders Ed, Eds Aufenthalt in Poole „in his late teens", der gemeinsame Sommer und Winter in Dorset mit Fußmärschen zu Cider-Pubs; die Dreirad-Episode mit der Schwester und den Holzklötzen samt „my debut as a therapist had not really gone that well"; „Snowdrops will always make me think of Ed now" am River Hamble; der im Hotel Kolpinghaus in Münster („the rooms are like cells in a monastery") geschriebene Refrain, der erst nach Eds Tod zum Song wurde — „Beware Soul Brother" —, und der zeitweilige Albumtitel; „I'm feeling a bit less roughed up than previously" samt Dank für die Anteilnahme; „Air Crash Investigation" als Trauerventil und die Aussage über die „as yet unfinished grief about the loss of my parents, brother and loved ones"; „a sort of Belfast Of The Mind in which the old conflicts remain raw in the imagination"; Jungs Satz „the gods have become diseases" und Levens eigene Alternative; das nächtliche Schreiben im Garten bei Mondlicht, Anne Ridlers „the light of the moon is visible silence" und die Blütenblätter samt zusammengeklebtem Dyson.
Erfunden: die Rückblende auf den Squat von 1979 als Kontrast; der Satz über den „haunted Celtic bar-room prophet" mit der Schubkarre; die Zusammenstellung der Götter als „zwei Pferde, eine Markthallenuhr, eine Dampflok in der Hecke und ein alter Mann mit Ponys".
Zur Vorsicht: Das Todesjahr des Bruders ist ungeklärt — Levens eigene Texte sprechen für Anfang 2011, Paul Du Noyer für Februar 2010. Das Kapitel folgt Levens Datierung, weil es seine Stimme ist. Der Ortsname Botley wird von ihm nur an anderer Stelle genannt und steht hier bewusst nicht.