Jackie Leven

Kapitel 11 von 15 1999–2007

Sudden Community

Aus dem Englischen übersetzt · zum Original

Zwölf Flüge im Jahr mit einer einzigen Fluglinie, in einem guten Jahr mehr. Von Kiel nach Wien in einem Bus mit Michael Cosgrave und Kevin Foster und einem Tourmanager, dessen Namen ich gedruckt noch kein einziges Mal richtig geschrieben habe. Vierzehn Abende am Stück, Solingen, Dortmund, Frankfurt, Thun, Zürich, Ingolstadt, Stuttgart, Halle, Berlin, Singwitz, Erfurt, Hannover, Hamburg, Kiel - und dann eine Fähre oder ein Flug und Norwegen, wo sie zuhören, wie Menschen zuhören, wenn der Winter lang ist.

Norwegen ist wie Schottland im Extrem. ich habe das schwarz auf weiß gesagt, und jeder Norweger, den ich seitdem getroffen habe, hat mir recht gegeben, was bei einem Volk, das fast nie jemandem recht gibt, schon etwas heißt.

Zu Hause war es derweil ein Folkclub über einem Pub in Colne, an einem Dienstag.

So sieht es also aus, und ich hatte nie etwas dagegen, dass es so aussieht, denn das deutsche und das skandinavische Publikum hat etwas für mich getan, was die Briten nie so ganz hinbekommen haben: Die haben die Songs als Literatur behandelt und mich als einen Mann, der seine Arbeit macht. In England steht immer einer an der Theke und erzählt seinem Kumpel, dass ich mal in einer Punkband war, und beides stimmt, und nur eins davon hat je einen Saal gefüllt.

Das Geschäftliche lief von Hamburg aus, über eine Agentur namens A.S.S., deren Chef, Michael Bisping, mich einmal im Jahr beiseitenahm und über meine Karriere redete, wie ein schottischer Bauer über einen Acker redet - weiter Blick, keine Sentimentalität, was haben wir gelernt. In Skandinavien war es Frank, der ein Festival leitete und, praktischerweise, auch alles andere. In Großbritannien war es Harry Farmer, dessen Namen ich zehn Jahre lang auf meine eigene Website gesetzt habe, mit der Anweisung, wer mich wolle, solle ihn anrufen.

Übers Geld redet ja nie einer, also. In einem Quartal kam mein Scheck für die Aufführungsrechte über zweiundzwanzig Pfund und dreiundvierzig Pence, zu einer Zeit, als ich sechshundert brauchte, und ich habe den Umschlag aufgehoben. Auf einer guten Tournee konnte ich mit Merchandising tausend Pfund am Abend einnehmen, zwanzig Abende hintereinander, und das - nicht die Platten, nicht die Tantiemen, die T-Shirts und die CDs in einer Kiste hinten im Transporter - hat das Heu für die Pferde bezahlt.

Und trotzdem die Festivals.

Ein Festival ist ein Dorf, das drei Tage lang existiert, und jeder, der darin wohnt, weiß, an welchem Tag es abgebaut wird. ich habe angefangen, das die regenerative Kraft der ‚sudden community' zu nennen, und ich stehe zu dem Ausdruck, so hochtrabend er ist, weil ich gesehen habe, wie sie bei Leuten wirkt, die allein mit einem Rucksack gekommen und am Sonntag als Cousin von irgendwem wieder abgereist sind.

Beim Larmer Tree habe ich einen ganzen Stamm. Mikki Rain ist seit Dorset sein Oberhaupt, seit der Küche ihres Vaters, und behält das Amt dadurch, dass sie nicht ein einziges Mal danach gefragt hat. Joe Shaw spielt dreißig Jahre nach der Band Gitarre, und es klingt, als wäre dazwischen überhaupt nichts passiert. John Ralph trägt die Reliquien herum und ist fürs Sehen zuständig, ein Posten, um den er sich auch nie beworben hat.

In Trowbridge habe ich einmal drei Sets an einem Tag gespielt, mit einer Band, die eine Stunde vorher in einem Baucontainer zusammengestellt worden war, der so heiß war, dass sich die Instrumente mit jedem Song verstimmten, und es war eins der besten Dinge, bei denen ich je mitgemacht habe.

In Southsea, auf dem Pier, habe ich von der Bühne über das Wasser nach Hill Head hinübergeschaut, wo meine Mutter in einem Pflegeheim gestorben ist, und die zweite Hälfte des Sets mit dem im Blickfeld gespielt, was ich nicht geplant hatte und nicht empfehlen würde.

Und in Kanada, bei einem Festival in Manitoba, in einem Ort namens Beausejour, saß ich in einem Motel neben einem Bestattungsinstitut namens Sobering - so heißt es wirklich, besser hätte ich es mir nicht ausdenken können -, kurierte Schweinegrippe und Jetlag aus und schrieb einen Song fertig, den ich Jahre zuvor in der Prärie bei Calgary angefangen hatte. Drei Shows an drei Tagen. Musiker, die sich gegenseitig geholfen haben. ich habe damals geschrieben, dass wir in Europa damit aufgehört haben und nur noch netzwerken, und das hat etwas Melancholisches.

Der Preis für all das war ein Sortiment kleiner, präziser Neurosen, die ich öffentlich katalogisiert habe, für jeden, der es lesen wollte.

ich werde hysterisch, wenn mir mein Hotelzimmer nicht gefällt. ich entwickelte über die Jahre ein wachsendes und unerklärliches Grauen davor, nach Einbruch der Dunkelheit mit dem Zug in einer fremden Stadt anzukommen - ich habe das seit Jahren, aber es wird schlimmer, schrieb ich, und beschrieb dann einen Pastetenladen, denn so gehe ich mit solchen Dingen um. ich kann in Zügen nicht schlafen, weil ich schnarche, und die Scham, vor Fremden zu schnarchen, wiegt schwerer als die Erschöpfung, was euch über den Mann alles sagt.

Und einmal im Jahr, im Dezember, haben wir im Milford Social Club in Derbyshire gespielt, der die Pfarrkirche des Haunted Valley war. Im Rund, wenn der Saal es zuließ. In einem Jahr Joe Shaw, in einem anderen Kevin Hewick, im Jahr davor die Stornoway Girls. Karten für acht Pfund, über Mick. Ein Raum, den die Zeit kaum angerührt hatte, fünf Minuten von Micks Haustür, und für was auch immer der unwahrscheinlichste Veranstaltungsort Großbritanniens.

Eines Jahres habe ich dort mit einer Flasche meines eigenen Whiskys auf dem Klavier gesungen. Leven's Lament. Mein Chef bei der Plattenfirma hat seitdem zu Protokoll gegeben, der Whisky sei ein einziger Schwindel gewesen, und ich werde mich nicht mit einem Mann streiten, der so viele meiner Fehler bezahlt hat. ich sage nur: Es gab eine Flasche, ich habe ein Foto davon, und an einem Januarabend in Glasgow haben wir die ganze Nacht umsonst davon ausgeschenkt, an ein Publikum, das das Ganze für eine Marketingkampagne hielt.

Vielleicht war es eine. Vielleicht ist eine Marketingkampagne, die alles verschenkt, was sie hat, und die Firma nichts kostet, einfach eine Party mit Label dran.

Die Arbeit, das sind Transporter und Hotelfoyers und T-Shirts für tausend Pfund hinten drin und zweiundzwanzig Pfund und dreiundvierzig Pence in einem braunen Umschlag und ein Dorf, das drei Tage lang existiert.

ich finde meine Arbeit unendlich schwer. Und zu den großartigen Dingen daran gehört, dass ich, ganz leicht, mit Leuten, die ich wirklich mag, wieder anknüpfen kann, überall auf der Welt. Im Blog war das ein einziger Satz, und ich bin nie dahintergekommen, welche Hälfte ich mit zum Flughafen nehmen soll….

Belegt / erfunden

Belegt: die zwölf Flüge im Jahr mit einer Fluglinie; die dichten Deutschland- und Skandinavientourneen mit Michael Cosgrave und Kevin Foster sowie dem Tourmanager, dessen Namen Leven selbst uneinheitlich schreibt („Gerne/Gernte Poets"); die Tourstationen November 2005 von Solingen bis Kiel; „Norway is like an extreme version of Scotland" (Blog Dezember 2009); die Hamburger Agentur A.S.S. mit Michael Bisping als Chef und das jährliche strategische Gespräch (Kolumne April 2004); Frank als skandinavischer Agent und Festivalleiter; Harry Farmer als Booking-Kontakt auf der Website; die PRS-Quartalszahlung von 22,43 Pfund bei benötigten 600 (Kolumne Mai 2004); „you can make £1000 a night in merchandising, and over 20 dates, that really matters" (Triste-Interview 2001); „the regenerative power of 'sudden community'" (Blog September 2008); der Stamm beim Larmer Tree Festival mit Mikki Rain als „Chieftan", Joe Shaw und John Ralph als „tribal seer and Custodian-Of-Relics"; die drei Sets in Trowbridge mit einer Stunde Probe im Baucontainer; der Blick von der Bühne in Southsea nach Hill Head, „where my mother died in a nursing home"; Manitoba 2009 mit Schweinegrippe, Jetlag, dem Bestattungsinstitut „Sobering", drei Shows und dem in Calgary begonnenen Song, dazu der Vergleich der Musikerkulturen („there is a melancholy to it"); „I have hysterics if I dislike my hotel room" (Be My Friend, Oktober 2009); die wachsende Angst vor abendlicher Ankunft in fremden Städten (Kolumne Oktober 2004); das Schnarchen als Grund, nicht im Zug zu schlafen (Dezember 2004); die Weihnachtskonzerte im Milford Social Club „in the round" mit Joe Shaw, Kevin Hewick und den Stornoway Girls, Karten zu 8 Pfund über Mick Nolan, „a place that has been touched little by time"; der gratis ausgeschenkte „Levens Lament" in der Burns Night im Glasgower Festival Club (Kolumne November 2002) gegen Goldschmidts „a complete scam" (Guardian-Nachruf) sowie das Flaschenfoto auf der Website; „I find my job endlessly hard" und der Satz über das leichte Anknüpfen weltweit (Blog Dezember 2009).

Erfunden: die Gegenüberstellung von deutschem und britischem Publikum („and both things are true, and only one of them ever filled a room"); der Vergleich Bispings mit einem schottischen Farmer; das Bild vom Dorf, das drei Tage existiert, und vom Besucher, der als Cousin abreist; die Deutung des Whisky-Abends als „a party with a label on"; der aufbewahrte Umschlag; die Schlussbemerkung über den einen Satz und den Flughafen.

Zur Vorsicht: Ob es den Whisky als Produkt je gab, ist ungeklärt. Das Kapitel lässt die Frage offen, wie Levens eigene Texte sie offenlassen. Das Merchandising-Zitat stammt aus dem Triste-Interview (2001), dessen Wortlaut im lokalen Korpus nicht gesichert ist.