Kapitel 8 von 15 1985–1993
Lisson Grove
Aus dem Englischen übersetzt · zum Original
Das Seashell in der Lisson Grove macht die besten Fish and Chips in London, und da lege ich mich mit jedem an, und wenn man da rauskommt und mit dem Päckchen, das einem in den Händen weich wird, nach Norden geht, kommt man am Sozialamt im Tresco House vorbei, und die Polizeiwache Paddington Green ist gleich um die Ecke, und ein Stück von der Straße zurückgesetzt steht eine Reihe niedriger Cottages.
Bevor sie eine Wohltätigkeitseinrichtung waren, waren sie ein Ort, an dem man alte Frauen zum Sterben abgeladen hatte. Und davor habe ich eine Zeit lang darin gewohnt.
Als wir also in diesen Gebäuden den CORE Trust aufmachten, war ich kein Mann, der ankam, um zu helfen. ich war, und das habe ich damals jedem gesagt, der es hören wollte, tatsächlich ein Teil der Quelle der psychischen Infektion an dieser Adresse, und ein Messingschild an der Tür ändert daran rein gar nichts.
Also beschlossen mein Freund Jason Wright, der das Haus leitete, und ich einmal zu Mittwinter, es zu exorzieren. Nicht mit einem Priester - mit den einzigen Werkzeugen, die zwei Männer wie wir hatten, und das waren die längste Nacht des Jahres und die Weigerung, sie zu verschlafen. Wir saßen in dem Gebäude von Dunkel zu Dunkel und lasen einander laut vor, damit keiner von uns wegsackte. Ihm fiel es leichter als mir. Ein Teil von mir wollte schlafen und das Elend fortsetzen. Irgendwann gegen vier Uhr morgens waren wir weit in die alten Geschichten vorgedrungen, und keiner von uns sackte weg, und um acht Uhr kam das Licht über der Lisson Grove herauf, spülwasserfarben, und wir gingen raus und frühstückten.
Der Trust funktionierte. Er gewann Preise und hatte richtige Räume in der Londoner Innenstadt und eine Warteliste, und der Ansatz war ganzheitlich, was 1986 ein Wort war, bei dem Männer in Anzügen laut lachten, und 1996 ein Wort, für das Männer in Anzügen einem Geld gaben.
Meine Stellenbezeichnung war, ein paar Jahre lang, head counsellor.
ich hatte keinerlei Qualifikation. Keine. ich war süchtig gewesen, ich war davon losgekommen, und ich hatte eine Art, um vier Uhr morgens mit einem Mann in einem Zimmer zu sitzen, die mir durch nichts antrainiert worden war als dadurch, dass ich dieser Mann gewesen war. Als der Trust endlich genug Geld hatte, um richtig ausgebildete Therapeuten einzustellen, sahen sich die richtig ausgebildeten Therapeuten meine Akte an und sagten, ganz vernünftig: Sie können hier nicht arbeiten, Sie sind nicht qualifiziert.
Und da griff ich nach etwas, das mir ein alter Nachbar Jahre zuvor in einem besetzten Haus in der Formosa Street mitgegeben hatte. Max Rynish - der Luftschiffmann, der Mann, der alles über das Fliegen leichter als Luft wusste und dafür vernichtet worden war - sagte immer, dass jede wirklich neue Idee drei Stadien durchläuft. Erst ist sie ein Witz. Dann ist sie eine Bedrohung. Dann ist sie selbstverständlich. ich habe das in der Sitzung gesagt. ich habe keine Ahnung, ob es irgendwen überzeugt hat oder ob sie bloß keinen Streit mit einem großen Schotten wollten, aber ich habe die Stelle behalten, und der Satz ist seither von mir zur Verteidigung von Positionen herangezogen worden, die sich weit schlechter verteidigen ließen.
Ganz unrecht hatten sie trotzdem nicht, und ich zog los und holte mir meine Bildung über Seitenwege. ich setzte mich überall dazu, wo Kathleen Raines Temenos Academy mich dazusitzen ließ. ich besuchte das London Convivium For Archetypal Studies, geleitet von Noel Cobb und von Eva Loewe, die auf einer Dinnerparty in Hampstead als Einzige über meinen Schubert-Witz mit Glasgower Akzent lachte und dadurch für den Rest ihres Lebens meine Freundin wurde. ich habe mich qualifiziert - richtig qualifiziert, mit Urkunde, die habe ich irgendwo - in Angewandter Kinesiologie bei Brian Butler. ich habe auf Einladung von Doktor Ruth West an der Koestler Foundation gearbeitet, an einem Projekt über die Wurzeln des Zufalls und an der Logistik der Hungerhilfe in Afrika, und das sind zwei Themen, die klingen, als hätten sie nichts miteinander zu tun, bis man einmal mit im Raum gesessen hat.
Und dann war da Robert.
ich las Robert Bly seit 1964, seit einer Schulbibliothek in Glenrothes und einem Gedicht namens Poem Against The British, das allein als Titel genügte, damit sich ein Junge in Fife gesehen fühlte. Dreißig Jahre später hielt er einen Vortrag in London, und ich ging hin, und hinterher - weil ich in einem großen Haus in Ladbroke Grove wohnte, mit zu vielen Zimmern und keinem besonderen Grund, es nicht zu tun - fragte ich ihn, ob er irgendwo in Ruhe unterkommen wolle. Er blieb fünf Wochen.
Was folgte, war ungefähr ein Jahr, in dem ich, Gott steh uns allen bei, Pressesprecher war. Roberts Männertreffen waren nicht öffentlich, und es durfte nicht darüber geschrieben werden, und ständig riefen Journalisten an, und ich wurde der Mann, der mit Fife-Akzent Nein sagte, was, wie sich herausstellt, eine Schlüsselqualifikation ist.
Die Treffen selbst: hundert Männer, manchmal für einen Tag, manchmal für eine Woche, in einem Saal oder einem Haus mitten im Nirgendwo. Geschichten - die alten, die grimmschen, die mit dem wilden Mann auf dem Grund des Teichs. Gedichte gesungen, nicht gelesen. ich hinten an der Bouzouki. Und Trauer, die aus erwachsenen Männern heraufkam, auf eine Art, wie ich sie in diesem Land weder vorher noch nachher gesehen habe, weil wir es in diesem Land so eingerichtet haben, dass sie das nicht kann.
Es war, und ich habe das an anderer Stelle geschrieben und meine es so, eine fabelhafte Zeit der Seelenfülle, mit einer Ernte der härtesten Tränen, die ich je vergossen hatte.
Die Leute fragen, ob ich das alles geglaubt habe. Nein. ich bin absolut kein Jungianer - bei der Vorstellung von Ganzheit schaudert es mich, das klingt nach Diät. ich saß jahrelang in einer Traumgruppe, in der alles die eigene Mutter bedeutete, und irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, und es war Hillman, der mir den Ausweg gab: Sag nicht, dass die schwarze Schlange in deinem Traum in Wirklichkeit deine Mutter ist. Lass die Schlange eine Schlange sein.
Aber um Glauben ging es nicht. Es ging darum, dass ich zum ersten Mal seit einem Farmhaus in Dorset in Räumen war, in denen etwas Ernsthaftes versucht wurde und in denen niemand etwas von mir wollte, außer dass ich auftauchte.
Und irgendwo mitten in alldem habe ich, ohne es zu merken, wieder angefangen, Songs zu schreiben.
Belegt / erfunden
Belegt: die Lage des CORE Trust in Lisson Grove neben dem Sozialamt in Tresco House, unweit der Paddington Green Police Station und des Fish-and-Chips-Restaurants Seashell; die Cottage-Reihe, in der zuvor „old ladies had been dumped there to die"; Levens Aussage, er habe vor der Gründung selbst dort gewohnt und sei „actually part of the source of psychic infection" gewesen; die Sonnenwend-Nachtwache mit Jason Wright zum „Exorzismus" des Gebäudes samt „part of me just wanted to sleep and continue the distress" (alle: Kolumne Dezember 2003); Levens Rolle als „head counsellor for The Core Trust" ohne formale Ausbildung und der Einwand der ausgebildeten Therapeuten („you can't work here – you're not qualified"); die Formel „the joke, the threat, the obvious", die er von Max Rynish übernahm; die Ausbildungsstationen Temenos Academy (Kathleen Raine), London Convivium For Archetypal Studies (Noel Cobb, Eva Loewe), Applied Kinesiology bei Brian Butler und die Koestler Foundation bei Dr. Ruth West mit dem Projekt zu den „Wurzeln des Zufalls" und der afrikanischen Hungerhilfe (Agony Aunt, September 2008); Max Rynish als Nachbar im Squat in der Formosa Street und sein Ruin durch eine Kampagne im Private Eye (Be My Friend, September 2011); die Dinnerparty in Hampstead mit dem Schubert-Witz, über den nur Eva Loewe lachte (Be My Friend, September 2008); Bly-Lektüre seit 1964 in der Schulbibliothek Glenrothes und das Gedicht „Poem Against The British"; Blys fünfwöchiger Aufenthalt in Levens Haus in Ladbroke Grove, Levens Jahr als „impromptu press officer", die Männer-Versammlungen mit bis zu 100 Teilnehmern, Märchen, gesungener Lyrik und Bouzouki sowie „a fabulous time of soul plenty, with a harvest of the hardest tears I'd ever shed" (Be My Friend, Oktober 2009); „I am absolutely no Jungian – the idea of 'wholeness' makes me shudder"; der Ausstieg aus der jungianischen Traumgruppe und Hillmans Satz über die schwarze Schlange (Kolumne März 2003).
Erfunden: die Kampfansage wegen des Seashell und der Weg mit dem Fish-and-Chips-Päckchen nach Norden; „a brass plate on the door does nothing whatever about that"; der Verlauf der Nacht bis zum Frühstück (die alten Geschichten gegen vier Uhr, das Licht über Lisson Grove um acht); die Jahreszahlen 1986 und 1996 als Pointe über das Wort „holistic"; „wholeness … sounds like a diet"; der Schlusssatz über das Wiederbeginnen des Songschreibens an dieser Stelle.
Zur Vorsicht: Diana kommt in Levens eigenen Texten nicht vor und deshalb auch hier nicht. Ob CORE 1985 gegründet wurde, ist aus seinen Texten nicht zu belegen; das Jahr stammt aus dem Kompendium.