Porträts
Forbidden words and broken mirrors – doll by doll
- Medium
- Record Mirror
- Autor
- Chris Westwood
- Datum
- 15. Dezember 1979
- Seite
- 6
- Sprache
- Englisch
- Zugang
- Online
Chris Westwood schreibt den Text im Record Mirror vom 15. Dezember 1979 während einer Fahrt im Van durch die Borders von Glasgow nach Newcastle; die Band hatte kurz zuvor die Hawkwind-Tour verlassen und kündigt Konzerte im Nashville (17. Dezember), im Venue mit U2 als Vorgruppe (18.) und im Marquee (21.) an. Westwood liebe Doll By Doll nicht als „Rockband“, sondern als Gemeinschaft, als emotionale Kraft, als „vier kämpfende Menschen“. Den Vorwürfen (morbide, prätentiös, freudlos, pessimistisch) stellt er „Fakten“ gegenüber: Die Band sei allmählich, herausfordernd, euphorisch, optimistisch, „emotional anarchistisch“. Mit Gypsy Blood beginne eine zweite Phase. Der aus Leeds stammende Bassist Tony Waite sei neu, Mitglieder seien nun Leven, Jo Shaw, Dave McIntosh und Waite.
Das Gespräch mit Leven führt Westwood in einer Wohnung im Londoner „haunted valley“ nahe Warwick Avenue (Bristol Gardens, Formosa Street), mit Wodka, einer gemeinsamen Freundin namens Claire und vier Stunden Redezeit. Leven nennt Remember ein „schwarzes Klassikeralbum“, „ein Album des Todes“, früher „ein riesiges Erbrochenes“, Gypsy Blood dagegen „ein Album des Lebens“. Liebe sei für ihn der „definitive Akt der Gewalt“; die Trennung beider Begriffe sei die Wurzel vieler gesellschaftlicher Probleme. Die Band habe für ihre „massiv gewalttätige Ehrlichkeit“ einen Preis gezahlt, der in keinem Verhältnis zum Vergehen stehe. Er spricht über den Verlust seines Sohnes, nachdem eine Frau ihn mit dem Kind allein ließ: Dadurch habe er gelernt, den Tod nicht zu fürchten, denn Kinder zu haben sei das absolute Gefühl von Schöpfung, und seine Unschuld zurückgewonnen. Der Titel Gypsy Blood beziehe sich auf sein halbes Roma-Erbe: Roma glaubten an Seelen und daran, dass niemand etwas besitzt.
Am ausführlichsten geht es um Medien und Macht. Leven sagt, die herrschende Klasse, die „toten Menschen“, bestimme über Sprache und Medien, wie die übrigen ihr Leben sehen; die Medien seien ein „System von Spiegeln“, in dem man sich nicht erkennen könne, die Herrschenden „zerbrächen ihre eigenen Spiegel“. Die Band zerstöre „das herrschende Konzept von Erfolg“, deshalb halte man sie für erfolglos. Westwood vergleicht Leven mit Jim Morrison, Lenny Bruce und Antonin Artaud: Morrison sei ein sexueller Politiker genannt worden, sie seien „emotionale Anarchisten“. Er endet nachts allein bei Lou Reeds Berlin; Leven ist laut Text 29, sein Fife-Akzent mildere die Wucht seiner Worte. Der Text ist idealistisch und anspruchsvoll, weniger Bericht als Bekenntnis; Westwood schließt: „Doll By Doll matter a lot to me.“ Eine Klatschnotiz im selben Heft: Mick Jones habe in einem Geschäft ein Doll-By-Doll-Album gekauft.
Zusammenfassung in eigenen Worten; den Wortlaut enthält das Original.
I love Doll By Doll — not as a “rock band”, but as a community, as an emotional force, as four people fighting. They are not going away . . .
I think the act of love is the definitive act of violence, and the way people are taught to believe there’s a difference between the two is the root of most people’s problems within our society today.
I’m half - Romany, and Gypsies believe in souls, they believe that at the moment of death the soul becomes the universe.
The reason people think Doll By Doll are not going to be successful is that Doll By Doll are destroying the domineering concept of success.